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Interview mit
Anja Nitz & Sinta Werner

Wo sind wir, wenn wir im Netz sind? Mit der Ausstellung “Placelessness” hinterfragen Anja Nitz und Sinta Werner die Ortlosigkeit digitaler Sphären. Seit dem gemeinsamen Studium an der Berliner Kunsthochschule Weißensee, erforschen die Künstlerinnen jeweils auf ihre Art die Mechanismen von Wahrnehmung – sei es durch Werners perspektivische Täuschungsmanöver im Installationsraum oder Nitz’ Fotoarbeiten, welche die Vorstellungswelten hinter gesellschaftlichen Institutionen entlarven. Wo die Schnittpunkte ihrer Arbeiten liegen, erklären sie uns im Gespräch.

 
 

 
 

SMAC: Anja und Sinta, aus welcher Richtung kommt ihr und wie habt ihr für die Ausstellung im SMAC zusammengefunden?

Anja: Einerseits kommen wir aus einem vergleichbaren, dann wieder aus einem ganz unterschiedlichen Kontext. Wir haben gemeinsam an der Kunsthochschule Weißensee studiert. Ich kenne und schätze Sintas Arbeit schon lange und freue mich, dass es nun die Möglichkeit gibt, zusammenzuarbeiten. Ich arbeite als freie Kunstfotografin und beschäftige mich normalerweise mit Innenarchitektur. Ich mache Gebäudeportraits mit einem konzeptionellen Hintergrund: Es geht mir nicht darum, wie etwas konstruiert oder gebaut wird, sondern um den gesellschaftlichen Kontext öffentlicher Gebäude, oder Gebäude mit öffentlicher Funktion, wie Krankenhäuser, Botschaften, Museumsdepots oder auch Atomkraftwerke. Dabei frage ich mich: Was sind die Vorstellungswelten hinter diesen Einrichtungen? Welche gesellschaftlichen Übereinkünfte gibt es, die festlegen, warum beispielsweise ein Krankenhaus so aussieht, wie es aussieht?

 
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Sinta: Ich hingegen arbeite mit Collagen und Installationen. Bei den Installationen gehe ich immer vom Ausstellungsraum aus, den ich dann über das Medium Bild verfremde. In einem Zwischenschritt täusche ich zum Beispiel eine Spiegelung vor oder manipuliere den Ausstellungsraum im Bildbearbeitungsprogramm Photoshop. Das bringe ich dann anhand von gebauten Konstruktionen zurück in den realen Raum, sodass ein Moment von Virtualität entsteht. Das Spiel mit den Dimensionen, aber auch die Architektur an sich steht im Mittelpunkt. Bei den Installationen ist das naturgegeben, weil sie ortsspezifisch sind, bei den Collagen benutze ich zum Beispiel die Struktur von Fassaden und ihre geometrischen Formen, um in Perspektiven Irritationen und subtile Brüche einzubauen. So entstehen dann neue Perspektiven. Für die Ausstellung “Placelessness” machen wir einen nostalgischen Rückgriff, um aktuelle Themen zu beleuchten: Was haben neue Technologien für einen Einfluss auf unser Gefühl von Räumlichkeit? Im Zentrum steht die Idee des Netzes, oder auch die Ortlosigkeit des Netzes, das Gefühl von Desorientierung.

Anja: Diese Ausstellung bedeutet insofern eine Ausnahme für meine Arbeit, da ich nicht innen sondern außen fotografiert habe. Ich habe mich mit Radomen beschäftigt, die Satellitenantennen, die von Geheimdiensten genutzt werden. Also nicht von kleinen Handyanbietern, sondern wirklich große Anlagen, die die Funktion haben, das Netz abzuhören. Dafür war ich in Deutschland, der Schweiz und in Frankreich, weil die Radome oft sehr versteckt in Naturschutzgebieten liegen. Das Interessante ist, dass die Anlagen eine universale Überwachungssituation generieren, in der alles offen liegt – die Anlagen selbst jedoch bleiben im Verborgenen.

 
 

Trotzdem findet sich auch hier wieder das Motiv des Kontrasts zwischen der Funktion einer gesellschaftlichen Institution und ihrer örtlich-räumlichen Erscheinung.

Anja: Genau, es geht auch um eine ästhetische Übersetzung, insbesondere aber um die Übersetzung in eine Vorstellungswelt. Diese Welt möchte ich visualisieren. In diesem Fall fand ich die Anlagen sogar sehr hübsch, die Satelliten haben etwas papierartiges – das hat mich umso mehr motiviert, mit Sinta zusammenzuarbeiten.

Sinta: Die Verbindung zwischen unseren Arbeiten wird vielleicht an dieser Collage am deutlichsten: Das ist eine Dokumentarfotografie eines Planetariums während der Fertigstellung, entstanden zum Anfang des Jahrhunderts. Für mich ist es das erste Mal, dass Menschen in meinen Collagen auftauchen. Aber in diesem Bild sieht man sehr schön, dass die netzartige Fragmentierung der Architektur sich auf den Menschen überträgt, dadurch wirken sie ein bisschen wie in einem Computerspiel. Das greift die Frage der Ausstellung auf, die Frage nach der körperlichen Präsenz –  ein Schlüsselbild für unsere Zusammenarbeit. Diese Collage ist Teil einer Serie von insgesamt sechs Collagen mit dem Titel 'Von Strömungen und Störungen'.
Das Rohmaterial stammt aus einer Epoche, in der modernistische Architektur gerade entstanden ist, und in der Ausstellung befassen wir uns damit, wofür sie steht: große Utopien und Ideale. Um darauf Bezug zu nehmen verwendet Anja  analoge Retrotechnik für ihre Fotos.

 
  Von Strömungen und Störungen (Planetarium)

Von Strömungen und Störungen (Planetarium)

 
 

Anja: Das Motiv der Radome ist zeitgenössisch, meine Fotos auch. Aber ich habe die digital aufgenommenen Farbmotive negativ belichten lassen und abgezogen, genau wie damals, bevor es digitale Fotografie gab. Steht man dann vor den großen Abzügen, sieht man sofort, dass die eigentlich alt sein müssten. Diesen Aspekt fanden wir spannend, weil die Technologie damals für Fortschrittlichkeit stand. Auch die Motive auf Sintas Collagen galten damals als fortschrittlich. Aber die Menschen auf ihrem Bild sehen ein bisschen so aus, als ob sie sich verfangen hätten – in einer Stahlkonstruktion, die eigentlich in die Zukunft zeigt. Damit wollten wir den Gedanken einbringen, dass wir uns in einem Raum aufhalten, der gar nicht physisch ist.

 
 

Müssen wir also unsere Körperlichkeit ein Stück weit aufgeben, um in der digitalen Welt zu bestehen?

Anja: Das machen wir ganz selbstverständlich. Wir merken das nicht, nehmen das anders wahr…
 

Was bedeutet Örtlichkeit noch für Euch? Welchen Wert hat sie?

Anja: Für mich ist vor allem interessant: Was erwarten wir von einem Ort? Was ist das Ideal, wie muss er sein? Lange gab es die Auffassung, dass man dank technischer Möglichkeiten überall auf der Welt gleichzeitig sein kann. Ein Gedanke, der sehr positiv besetzt war und meinte: das Tolle am Netz ist, dass wir uns von einem Ort freimachen können. Aber damit ergibt sich eine Vorstellung, die einen neuen Raum eröffnet und ein Ideal kreiert. De facto ist dieser Raum nicht haptisch, an diesem Punkt scheitern wir.

 

 
 
  Der laufende Meter

Der laufende Meter

 

Das heißt, wir konzentrieren uns auf einen Ort, den wir nicht erreichen können?

Anja: Ich würde sagen, wir sind schon angekommen. Die Definition des Netzes funktioniert wie eine Ortsbeschreibung, aber sie ist nicht greifbar. Das hat etwas sehr illusionistisches – deswegen habe ich meine Bilder wie Sehnsuchtsorte komponiert. Sie folgen dem arkadischen Formprinzip romantischer Malerei, das lange Zeit Naturbilder so konzipiert hat, dass sie einem bestimmten Ideal entsprechen. Das habe ich hier auf die Spitze getrieben, um dem Ganzen etwas Nostalgisches zu verleihen. Doch wie in Sintas Bildern bleibt der Moment des Scheiterns.

Sinta: Neben den Bildserien werden wir bei SMAC auch noch die Treppe, das untere Stockwerk und den Keller nutzen. Die Treppe bespiele ich mit einer sich drehenden Projektion des Motivs der Treppe auf die Treppe, die ein Gefühl von Desorientierung evoziert. Eine Treppe taucht ebenfalls in den Collagen auf, die Projektion wiederum verknüpft sich mit Anjas Bildern in den Lichtkästen. Am Anfang des Treppenhauses hängt die Edition "Der laufende Meter". Auch hier spiele ich wieder mit dem Thema der Raumillusion, indem ich die Räumlichkeit der Architektur an der einen Stelle hervorhebe, an anderer Stelle jedoch die Logik wieder breche. Dazu gibt es Überblendungen auf akustischer Ebene.

Anja: Die Musik kommt von Michael E. Veal, einem Musikhistoriker, der in New York lebt und in Yale unterrichtet. Für die Ausstellung hat er unter anderem aus Satellitengeräuschen Musik komponiert. Trotz der zeitgenössischen Komponente hat er versucht, retrospektiv zu arbeiten und sich an die 70er Jahre zu halten. Das Ergebnis bewegt sich zwischen Geräuschkulisse und Musikstück, was vielleicht erstmal irritiert …

 
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Der Aspekt von Irritation zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Kann “Placelessness” als ein Plädoyer für für eine Störung der gewohnten Wahrnehmung gesehen werden?

Anja: Für mich ist es eher “Brechung”, bei Sinta passt “Störung” schon eher. Und es geht um Illusion. Der Appell: Nimm nicht alles so selbstverständlich, gehe noch mal einen Schritt zurück und betrachte es von dort!

Sinta: Mir geht es auch darum, den Blick in die Welt wachzurütteln. Wir müssen genauer beobachten, wie sich durch die ständige Präsenz von Bildern im Alltag die Idee des Bildes in unsere tatsächliche Wahrnehmung eingeschoben hat. Wir haben den fotografischen Blick schon sehr verinnerlicht – den Blick durch die Kamera als solches zu thematisieren, verbindet Anja und mich.  

Anja: Nimmt man sich vor, nicht den Raum selbst zu fotografieren, sondern die Vorstellung, nach der der Raum entstanden ist, dann fotografiert man automatisch etwas ganz anderes. Ich habe mich auch viel mit Nebensächlichkeiten und Details beschäftigt, Lagerräume, Ausgänge oder Flure – da versammeln sich genau jene Selbstständigkeiten. Da fängt es an bei mir zu kribbeln, ich muss fragen: Warum…?

 

 
 

Brauchen wir nicht eine gewisse Selbstverständlichkeit, um uns überhaupt in einer immer komplizierter werdenden Welt orientieren zu können?

Anja: Wir brauchen eine Waage für beides. Vor allem aber brauchen wir ein Bewusstsein dafür, dass manche Gegebenheiten veränderbar sind. Fragen neu zu stellen, sich wundern oder zu staunen – das zu schaffen, wäre schon ganz viel. 

 

 
 

Interview: Leonie Haenchen
Photos: Luke Johnson